Ein ungebremster Anhänger hinter meinem Zugfahrzeug:

Darf ich den mit 100 km/h ziehen?

 

07.12.2020

 

Autor: Achim

 

 

Obige Frage stellt sich vielen Interessenten an ungebremsten Motorradtrailern

(Nur auf diese ungebremsten Anhänger mit max. 750 kg zulässigem Gesamtgewicht beziehen sich nachfolgende Ausführungen!)

 

Denn: Wer es schon einmal ausprobiert hat stellt schnell fest, dass dieser Unterschied von 20 km/h in der Praxis durchaus gravierend ist. Nicht nur für die Durchschnitts-geschwindigkeit - auch für die Nerven des eiligen Transporteurs  :-))

Und der Markt bietet ungebremste 100 km/h-Trailer en masse. Doch darf ich tatsächlich mit MEINEM Zugfahrzeug diese Geschwindigkeit auch nutzen?

Die nachfolgenden Überlegungen wenden sich natürlich nicht nur an den potentiellen Käufer eines Trailers sondern auch und insbesondere an Nutzer von Mietanhängern, die häufig weniger fit in der Materie sind.

Beispielfoto
Beispielfoto

Was also muss berücksichtigt werden, wie wird berechnet?

 

1. Schritt: Vorbemerkungen

  • Grundsätzlich gilt: Die Erlaubnis Anhänger mit 100 km/h zu ziehen, betrifft nur Autobahnen und Kraftfahrtstraßen. Auf allen anderen Straßen ist bei max. 80 km/h Schluss!
  • Erfüllt der Anhänger die technischen Voraussetzungen für die Fahrt mit 100 km/h, genügt das alleine noch nicht, um mit diesem Tempo auch tatsächlich zu trailern, denn
  • die Bereifung des Trailers darf für Tempo 100 km/h nicht älter als 6 Jahre alt sein und muss für eine Höchstgeschwindigkeit von mindestens 120 km/h spezi-fiziert sein. Am Anhänger ist eine "Tempo 100"-Plakette mit dem Siegel einer Zulassungsstelle anzubringen.

Ist eine dieser Bedingungen nicht erfüllt, gilt Tempo 80 km/h!

Aber auch das Zugfahrzeug muss hinsichtlich der technischen Ausrüstung

und des Leergewichtes bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

 

2. Schritt: technische Anforderungen an das Zugfahrzeug

  • muss über ABS verfügen
  • die zul. Gesamtmasse des Anhängers darf die zul. Anhängelast für ungebremste Anhänger des ZgFz nicht übersteigen

3. Schritt: Die Berechnungsformel (siehe auch hier)

Um einen für die Fahrt mit 100 km/h zugelassenen Trailer tatsächlich auch mit dieser Geschwindigkeit zu ziehen, gilt:

 

Leermasse des ZgFz x 0,3 >= zulässige Gesamtmasse des Trailers.

4. Schritt: Nicht gleich verzweifeln - genau hinschauen, was möglich ist

4. a) Erläuterung am Beispiel:

Das Zugfahrzeug ist ein VW Golf 1.0 TSI, zul. Anhängelast ungebremst 600 kg, Leermasse 1.216 kg, zul. Stützlast auf der Zugkugel 75 kg, zul. Zuladung 505 kg

 

Der ungbremste Anhänger ist Motorrad-Trailer:

Airtrailer Mono Plus, zul. Gesamtmasse 600 kg, Leergewicht 130 kg,

100 km/h-Zulassung, zul. Stützlast auf der Zugkugelkupplung 75 kg

Die Formel:

1.216 kg Leermasse Golf x 0,3 = 365 kg zul. Gesamtmasse Trailer

 

Wir sehen:

Unser Golf darf den Airtrailer zwar mit Tempo 80 km/h, nicht jedoch mit Tempo 100 km/h ziehen, obwohl der Trailer eine 100 km/-Zulassung besitzt.

 

Was also tun?

 

4. b) Stichwort "Ablasten"

Setzen wir unser Beispiel fort!

Tatsächlich wird unser Trailer (130 kg leer) stets mit max. 270 Kg (BMW R1200RT LC) beladen und kommt so auf ein tatsächliches Gesamtgewicht von 400 kg und auf dieses Gewicht kann unser Trailer als neue "zulässige Gesamtmasse" "abgelastet" werden.

Das heißt: Durch TÜV-/Dekra-Begutachtung wird eine neue "zulässige Gesamtmasse" - im Beispiel 400 kg - festgelegt. Die Kfz-Zulassungsstelle berichtigt die Anhängerpapiere. Das ist ein rein formaler Akt, dessen Kosten im low-Budget-Bereich liegen. Allerdings darf der Halter den Trailer ab jetzt nicht mehr mit höheren Gewichten beladen und die nun max. zul. Gesamtmasse des Trailers von 400 kg überschreiten (auch nicht, wenn er bereit ist, nur Tempo 80 km/h zu fahren!!!).

Unsere o. a. Formel zeigt aber, dass dies noch nicht reicht. Es fehlen uns noch 35 kg. Wir müssen noch weiter überlegen.

4. c) Stichwort "Auflasten"

So, wie sich ein Anhänger ggf. "ablasten" lässt, lässt sich u. U. auch ein Zugfahrzeug "auflasten".

Nach den Fahrzeugpapieren hat unser Beispiel-Golf eine Leermasse von 1.216 kg. Das ist die Werksangabe für den "nackten" Golf. Nehmen wir an, der Golf ist tatsächlich mit Breitreifen, Klimaanlage, Navi, Anhängerkupplung etc. ausgerüstet. Da sind schnell 80 kg an Mehrgewicht beisammen.

Diese "tatsächliche Leermasse" kann durch TÜV/DEKRA auf der FzWaage oder rechnerisch bestimmt werden und bei der Zulassungsstelle die Fahrzeugpapiere berichtigt werden.

Wir nehmen für unser Beispiel 80 kg an Mehrgewicht, dann 1.296 kg Leermasse, für den Golf an.

Diesen neuen Wert setzen wir in unsere Formel ein:

 

1.296 kg Leermasse (Golf+Extras) x 0,3 = 389 kg zul. Gesamtmasse Trailer

 

Hm? Das passt noch nicht. Uns fehlen noch 11 kg! Woher nehmen?

Die Antwort darauf ist leider ebenso kurz wie frustrierend:

Diese 11-Beispiel-kg finden wir nirgends! Auch nicht in der "Stützlast" (egal ob "zulässige Stützlast" oder "tatsächliche Stützlast") von der gelegentlich zu lesen ist, dass sie der Leermasse des Zugfahrzeuges hinzu addiert werden kann oder auch von der zulässigen Gesamtmasse des Anhängers abgezogen werden kann.

Auch ich selbst bin diesem Irrtum aufgesessen und musste mich korrigieren lassen:

Leider spricht die 9. AusnahmeVO zur StVO ausschließlich von der "Leermasse" des Anhängers, niemals jedoch von der "um die Stützlast verminderten Leermasse".

Um die Beispiel-Kombination aus "Aitrailer Mono Plus" und "BMW R1200RT LC" mit einer Gesamtmasse von 400 kg mit Tempo 100 km/h zu trailern, benötigt es also ein Zugfahr-zeug mit ABS und mindestens 400 kg zulässiger ungebremster Anhängelast sowie einer Leermasse von mindestens 1.333 kg.

 

Umter´m Strich bleibt die Erkenntnis:

Es kann sich durchaus lohnen, das vorhandene Zugfahrzeug einmal auf eine Fahrzeugwaage zu stellen, bevor ein ungebremster Anhänger angeschafft wird.

 

5. Stichwort "Stützlast"

Apropos Stützlast: Die möglichst vollständige Ausnutzung der vorgesehenen maximalen Stützlasten (in unserem Beispiel 75 kg) ist maßgeblich für die Fahrstabilität des Gespanns im Betrieb.

Außerdem haben moderne Fahrzeuge wie unser Beispiel-Golf eine elektronische "Schlingerstabilisierung" für den Anhänger - sofern die Anhängekupplung werksseitig verbaut wurde. Diese kann ihre Fähigkeiten nur dann ausspielen, wenn die Stützlast-vorgaben so weit als möglich eingehalten werden!

Sind Stützlastangaben zu Zugfahrzeug und Anhänger unterschiedlich, so gilt der niedrigere Wert.

Auf jeden Fall ist das Beladen nach dem Motto "Einfach draufschieben" so´n bisschen fahrlässig und kann im Falle eines Falles bei Versicherungen oder vor Gericht richtig Ärger bedeuten. Muss ja nicht sein. Eine simple Personenwaage unter der Zugdeichsel hilft, die tatsächlichen Lastzustände zu ermitteln.

Und noch etwas: Im Anhängerbetrieb reduziert sich die zulässige Zuladung (in unserem Golf-Beispiel: 505 kg) um die Anhängerstützlast!

 

6. Schlussbemerkung

Vorstehende Informationen und Beispielrechnungen sind sorgfältig und nach bestem Wis-sen zusammengestellt. Dennoch haben sie nicht den Rang einer Expertise und gelten daher ohne Gewähr!

 

Und nun: Gute Fahrt mit dem ungebremsten Trailer!

 

 

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